Armand Monjo

IM GEWITTERSTURM UND BEIM FEST

	(Le Dé bleu, Chaillé-sous-les-Ormeaux 1989)

In diesem Augenblick der Gegenwart
die mich erfaßt und davonträgt
und losläßt und wieder ergreift
in diesem Augenblick der versickernden Zeit
des Siebs der Mikrophone
der Armbanduhren der Zeitungen
der Untergrundbahn und des Fernsehens
der Jahreszeiten
der Katastrophen
im stummen Augenblick der auf der Stelle tritt
hin- und herrennt zwischen Sehnen und Bedauern
zwischen Fieber und Vergessen
(gelbes Auge des Pendels
Flohsprung des Chronometers
Motor des Herzens in Zeitlupe
Tropfen am Stalaktit)

diese Zeit die unsichtbare Hefe
die uns buttert und knetet
schon nicht mehr Gestern ist
und nie zum Morgen wird
- wo ist ihre Quelle und wo ihr Ende? -
sie ist der Wind der die Wacholdersträuche beugt
die Nester fortreißt und den Zweig zerschmettert
ist die Zwangsarbeit
die die Leiber verzerrt und zerbricht
allmählich das Feuer der Augen auslöscht
sie ist die Ratte des Vergessens die mit flinken Zähnen
die Erinnerung an Betten und Photos
bis auf die Knochen abnagt

Auf dieser Straße in diesem Augenblick
da die Flut des Abends steigt
und sich über die Stadt ergießt
bin ich abstrakter Wassertropfen
in diesem durchaus wirklichen Meer
der von Strömungen und Strudeln hineingerissen wird
in die Brownsche Bewegung der Bürgersteige
(und das Feuer der Erinnerung flackert wieder auf
und in diesem selben Viertel lodert
der Student der Vorkriegsjahre auf
der taumelte
in seinen Arbeitsharnisch eingezwängt)
bin ich phosphoreszierender Flitter
im Kielwasser dieser eigenartigen Armada
von Kreuzern und stählernen Beobachtungsschiffen
inmitten bauchiger Barkassen
und schlanker Schoner

ich zerschnittener Leuchtkäfer
im Kreuzfeuer der Scheinwerfer
(sollten so viele Schiffe in Seenot sein?)
ich treibe wie sie mit gebrochenem Mast und abgesoffenem Motor
ich bin wie sie auf der Suche nach einem Hafen
der nicht zu sehen ist in all dem Asphalt
in dieser Undurchsichtigkeit der Meeresstädte
ich werde geschlitzt vom Skalpell der Leuchttürme
mit Schreien behelmt betäubt vom Chloroform
der brüllenden Sirenen
ich treibe in voller Fahrt dahin
- wo ist das weite Meer und wo das Land? -

(in meinem Taucheranzug aus Büchergelehrtheit
durchquerte ich früher unbewußt
die lethargisch zähen Wasser
ohne naß zu werden)
in diesem Augenblick da die Brandung
die Rollwelle der Autos mich überschwemmt
mit dem kraftlosen Lichthof ihrer Raubvogelaugen
mit den Chromgrimassen der Masken
die aus meergrüner Nacht auftauchen
in diesem flüchtigen Augenblick der Stadt
da die sparsame Dämmerung
am Horizont ihre Glut aufhäuft
und in zeitungemäßerVorsorge
einen Funken für morgen aufbewahrt

dort
im Garten die an jedem Wochenende
dem Lärm und dem Wüten abgerungene Milde
(Wurzel am Ufer
an die sich die Hand des Schwimmers klammert)
wenn im furchtsamen Herzen der alten Linde
der programmierte Schlaf der Vögel
mit schwachen Schreien Löcher stanzt
ins rauhe Tuch der panischen Angst
begnadeter Augenblick der Meeresstille
der eisige Himmel hält
seine abgrundtiefen Sternbilder auf der Stelle fest
nur schwach pocht jetzt
ihr zaghaftes Herz
und es scheint als fürchteten sie und erwarteten doch
das Atmen des Glücks

auf diesem Bürgersteig
in diesem Augenblick der Nacht
bin ich eins der drei Milliarden Atome
im Staub der Menschen
die am Planeten Erde haften
in diesem Viertel des Sonnensystems
bin ich labiles chemisches Element
der Milchstraßen und Galaxien
mit dem gleichen Anspruch auf Leben
wie der Plankton der Ozeane
der Kreislauf des Chlorophylls
der Reigen der Protonen und Elektronen
genauso lebendig wie die Henker
wie diejenigen die die Fäden ziehen
in den einsehbaren Kulissen
genauso lebendig
wie die subventionierten Tenöre
und die wenigen Helden die überraschenderweise
und nur für kurze Zeit auf der Bühne stehn

ich Staubkorn
nicht mehr und nicht minder lebendig
als Dirigenten und Kommanditäre
die ausführen
lenken
die geheimen Schlüssel
der Macht innehaben
genauso wirklich wie die Getriebe
die über das Los der Opfer entscheiden
der vom unerbittlichen Ineinandergreifen der Zahnräder Zermalmten

in diesem Augenblick
auf dem Megatonnen von Sturmwind lasten
da die Bücher, Tresore des Vergessens
seit Jahrhunderten schon in meinem Kopf sich drehen
(Vieh der Aufnahmeprüfungen du
sie waren dein Heu dein Hafer)
während sich Flugzeuge Züge Feuerkugeln
als Filigranarbeit erahnen lassen
auf Schienen und Autobahnen
im schlaffen Haar des Raumes
und als entfesselte Partikel im Vakuum
von einer Stadt zur nächsten rasen
(sie zeichnen dabei auf den schwarzen Bildschirm
des amorphen Erdballs Hieroglyphen aus Licht
die unverständlich bleiben)

Stadt eines Zeitalters der hinkenden Wissenschaft
da bin ich nun wie gestern
unter dem verriegelten Deckel
deines großen Kochtopfs
in dem die fiebrige Sorge um das Glück
nicht aufhört zu gären
in deinem Schmelzofen
wo eine unbeständige Jugend wimmelt
geboren beim Galopp von Diskothek und Rockmusik
Stadt, genauso langsam unvollendet
wie du schnell zerstört sein kannst

in diesem Augenblick des Ungestüms
da der Strudel mich wieder erfaßt
und losläßt und von neuem
in die unschlüssigen Wellen der Bürgersteige wirft
auf und ab
Korken
wirbelnd
hin- und hergeworfen angesaugt
mit Bündeln schmutziger Algen
und gegen die Klippen der Fassaden
geschleuderter Passanten

dort
in der Kälte der frühen Dämmerung
im Nebel der ruhigen Dörfer
sieht man Wege sich abzeichnen
Bäume aus der Nacht hervortreten
und das Auge des Hauses erhellt sich
herausgehobener Augenblick
der uns jeden Morgen mitnimmt
in seiner Fata Morgana der Siege
an Bord der Galeone der Entdeckungen
auf die Suche nach einer neuen Sonne
sodaß man nahe daran ist zu glauben
der Mensch sei geboren
um glücklich zu sein

in diesem Augenblick
hier im Schlund des Krakens
mit eingerollten Fangarmen
umwickeln die kilometerlangen Tageszeitungen
Leichen an den Rotationsmaschinen
und die Werbeblätter der Kioske bellen
bestückt mit Busen und Hinterteilen
schreien ungeduldig aufstampfende Schlagzeilen aus
(man spürt schon wie im Krater der Stadien
der tierische Schrei der Herden dampft)
Augenblick der Halluzination
nahe bei einem chemisch gefärbten Morgen
an dem bald das Fernsehen seinen Sirup austeilt
und die Radioküchenjungen
als Spaghetti von Kantine zu Kantine
die pathetischen Eingeweide
unsres Zeitalters aufrollen

in diesem Augenblick
da der rot anlaufende Taucher endlich
zur Wasseroberfläche zurückkehren darf
während im Speck der Erde
die gespannten Saiten der Wurzeln
sich um ihr stählernes Herz geduldig winden
Millionen von Knospen mit den Schädeln stoßen
Samen ihre Raketen starten
Leiber als schöne Spiegel ineinanderdringen
mit all ihrem Schillern im Wasser der Lust
bevor das weltweit gesendete Photo
der von Macheten aufgeschlitzten Bäuche
eine neue Schande erfindet:
manchmal glücklich gewesen zu sein

in diesem Blitz des Erinnerns
da ich mein winterliches Erschauern
unter das warme Federkissen
des Indischen Ozeans tauchen konnte
des von Algen mit blauen Augen
und goldenem Prasseln übersäten
heißt es, Stadt, zurückzukehren
zum Wimmeln deiner gespannten Schwärze
und ich nehme mein Wort zurück
und ich leugne
die endlosen Treppen der U-Bahn
die in der Angst eingesperrten Massen

und ich tilge aus meinem Hirn
das Tamtam der Kaufhäuser
das Liebster-komm-zu-mir der Werbung
mit Hilfe des langen Striches der Stille
den ein Strand von Casamanca
zwischen Himmel und Wasser wirft
wo die Phantasie endlich
diese nie dagewesene Freiheit erfinden darf:
zu Fuß um Afrika herumzuwandern
auf einem Rundweg glücklichen Herzklopfens
langer ausgestreckter Beine
träger wiegender Wellen
unter dem unbefangenen Blick der Kokospalmen
die vor dem ewigen Wasser blinzeln

hier
auf dieser Insel der Freßkneipen
in der Oase exotischen Futterns
wo entmenschlichte Mägen
sich Kreuzfahrten für einen Abend leisten
in diesem Augenblick des Körpers
da die tief bewegenden Käse
die felsgereiften duftigen Weine der Provence
das so knusprige Brot aus Paris
mir in der Kehle steckenbleiben
wie der Fladen aus Körnern
die ich in der alten Kaffeemühle quetschte
an den Hungermorgen der Besatzungszeit

die wilde Katze eines Schmerzes
krallt sich an meiner Schulter fest:
ich kann nicht so tun als wüßte ich nicht
daß anderswo in diesem Augenblick
in einem Land, nicht schlimmer verfolgt als andre
aber weniger begünstigt
schneller von den Titelseiten vertrieben
vom Bestseller-Verbrecher
oder vom Spiel des Jahrhunderts
daß Kinder dort mit Zähnen alter Männer
alterslose Säuglinge
ohne einen Schrei den Wind wiederkäuen
neben Müttern die sich von Sand ernähren
und Vätern die mit ihrer Bombe platzten
als habe Hoffnung ihnen den Magen verdorben

in diesem klarsichtigen Augenblick
da der abgehärtetste Reporter
nicht mehr weiß
wer er ist wo er ist
wenn die Hölle kein Sensationsthema mehr
für irgendeinen lässigen Sprecher ist
sondern die einzige lastende Erinnerung
der Völker aller Hautfarben
deren Tote als Zahlen
von Leichen schwarz auf weiß
aus den Fernschreibern quellen

in diesem Augenblick des sommerlichen Wahnsinns
da die Dichter den Wunsch und die Freiheit haben
mit ihrem Atem Mädchen zu gebären
mit unsäglich schönen Leibern
da vielleicht der Zauber ihres Gesangs
euch Schläfern den Schlüssel
zu exakteren Träumen schenkt
versammeln sich auf Plätzen
jenseits des Ozeans
Frauen die man für wahnsinnig erklärt
um ihre verschwundenen Männer zurückzufordern
und andere suchen vor hohen Mauern
unter Schwärmen von Photos
das ihres verschwundenen Sohnes

bei uns
gehen in diesem Augenblick im Herbst
zwei französische Dichter
allein über den feuchten Sand der unermeßlichen Bucht
zwischen Saint-Michel und Tombelaine
mit dem Schritt lässiger Möwen
und schweigen zuweilen und bleiben stehn
zu horchen ob durch den Nebel der Zeit
eine Druidin der heiligen Insel
heimlich wie sie bei Ebbe hinübergeht
zu den Hüten des wilden Berges

anderswo
(vielleicht im selben Augenblick?)
verschwindet ein iranischer Dichter
an seinem Hochzeitsmorgen festgenommen
im Spinnennetz der am laufenden Band
vervielfachten Unterdrückung
und auf dem unauslöschlichen Bildschirm ihrer Seele
werden alle Dihcter von  nun an
zusammen mit dem Blick von Brassens
(Liebesheirat Geldheirat)
die weinende Braut mit wehenden Schleiern
hinter ihrem gefangengenommenen Bräutigam herlaufen sehen
den man abführt und den sie nie wiedersehen wird
- Hochzeit des Vergessens Bluthochzeit... -

in dieser Stunde des Blutes
da die Kolben asthmatisch
in den Schläfen keuchen
wie eine alte Dampflok
auf verlassenen Bahnhöfen in der Savanne
in diesem bleiernen Augenblick knistern die Wörter
im überhitzten Öl der Erinnerung
und dringen wie Bohrer
mit Spänen von Liedern
und Fransen aus Musik
durchs aufgerissene Fenster der Sinne in uns ein

vielleicht in diesem Augenblick
da unsre Welt
sich langsam und unter Schmerzen
auf eine andere Grundlage stellt
da Sehen neu zu erlernen wäre
mit den Augen spähender Vögel
in diesem Augenblick
da unsere allzu vervielfachten Sinne
den unerschöpflichen reglosen Reichtum
der Gegenwart
nicht mehr festhalten können

da sehe ich plötzlich jenen Tag der Entdeckung vor mir
an dem das Flugzeug über Gibraltar fliegt
nach Afrike gerichteter Schlangenkopf
und mich absetzt im süß-bitteren Duft
Gewürze und Zucker der Mutter aller Kontinente
und auf deinem Teppich, Marrakesch
im Blütenstaub der Orangenbäume
der sich zur Koutoubia hin entrollt
zum Phallus vor dem Atlasgebirge
werde ich sehn wie die Farben ersticken
vor lauter Schreien der Sonne entgegen
bei jenem alten Bettler mit ausgestochenen Augen
der von Kinderlachen träumt
das weißer ist als frische Minze
die grüner ist
als jeder dahingegangene Frühling

ich seh jenen Oktoberabend vor mir
da die Sonne ihren Abschiedskuß
auf die Klippe von Arromanches hauchen wird
deren Kiesel in den Farben von Asche und Ocker
von den weißen Krallenspuren
eines apokalyptischen Tages gezeichnet wurden
den Abend, da im Luberon
deine Klippen, Roussillon
noch röter noch teuflischer sind
ins grüne Fleisch deiner Kiefern geschnitten
zur Stunde da die Hand der Liebenden
die Glut der Lenden entfacht
da die Mauern der glücklichen Häuser
in langen Zügen einatmen
hingewandt zum Kristall der Nacht

zur gleichen Uhrzeit MEZ
suchen in einer Wüste Zentralafrikas
kleine bis auf die Knochen abgemagerte Hände
kraftlos tastend
die trockene Brust der stummen Mütter
und in den Anden kauen
Zinnbergleute endlos Kokablätter
die Hunger Schmerz und Angst überwinden
und es erlauben, noch wenige Jahre
vor dem Tod zu arbeiten
während zur Ebene hin
(erzählte mir mein vielbereister Freund)
in den Hiltons der Touristenstädte
für hundertdreißig Dollar
Whisky Langusten und Kaviar
Geschäftsleuten vorgesetzt werden
die das Wort Glück nie in den Mund nehmen

und ich breche mit diesem Freund wieder auf
überfliege, schöne westliche Nationen
eure Betonobelisken
und brenne wieder in den gähnenden Öfen
(die Harten bekommen dort Sprünge
die Besten zerbröckeln)
eurer dampfenden Städte aus Stuck
mit den wimpernlosen Insektenaugen
den Kannibalenkiefern aus Glas
in diesem Nichts, durchbohrt von den Höhlen
wo die von Völkern geborenen Götter
nie wieder sprechen werden

in diesem Augenblick der Schöpfung
da der Töpfer von Saint-Amant
zwischen Kraft und Anmut
die unübertreffliche Rundung sucht
vor der sich die Schönheit verneigt
da jener andere Töpfer von Le Bois-en-Ré
zwischen Weiß und Blau
die Spur von Melusinens Haaren sucht
antwortet die Zeit am Grund der Sande:
vor dreitausend Jahren erbauten die Fellachen
mit ihrem Schweiß mit ihren Lumpen
den Tempel von Esna
für den widderköpfigen Gott Knum
den Töpfergott der auf seinem Turm
die Menschen geformt hat
und die ganze Abfolge der Generationen

gewiß die Götter sind immer noch da
sie haben andere Namen und Gesichter
sie sind nicht Phöbus oder Echnaton
Buddha Christus oder Jehovah
sie unterschreiben mit Anonym
sie haben goldene Zahlen als Gesetz
den Tod als geheime Fahne
ihr Götter der Verachtung Meister im Anordnen
von Lager Ghetto und Exodus
ihr seid da gegenwärtig
mit euren vor Gewalt düsteren Riten
überall um mich herum in diesem Augenblick
gegenwärtig auch in mir der ich euch nicht anerkenne

und selbst an diesem Ferientag
in diesem Augenblick ruhiger Freude
da ich unter dem Mandelbaum im Garten
das Meer und die seidenen Teiche
in der Hitze zerfransen seh
spüre wie sich mit Licht füllt
mein im Wind der Pinienhaine leichter Körper
dieser zerbrechliche Körper, der doch
auf seine Art das ganze Weltall enthält
seine Gesetze und die Verkettung der Fragen
die zur gleichen Zeit Millionen
weiterer lebender Computer quälen

in diesem Augenblick da unterwegs wie ich
auf Bürgersteigen endloser Nacht
im schmutzigen Wasser
der in ihr staubiges Schweißtuch gehüllten
nach Benzin und Chemie stinkenden Städte
so viele Menschen
verloren in der Gleichzeitigkeit
der wirklichen Verbrechen
und des erträumten Glücks
stumpfsinnig dahinwanken
die doch auf ihre Art der Welt entgegentreten wollen

und doch
in diesem immer gegenwärtigen Augenblick
da meine Tropfen für Tropfen
auf den tausend Straßen eines Lebens gesammelte Vergangenheit
mir gehört und doch nicht mehr mir
da Geist und Herz
mit Überschallmotoren zusammengeschaltet
zerfallen und auseinanderstieben
in den eisigen Stacheldrähten
der großen Zahl der Verlorenen
auf den Sofas der gemeinen Glitzerpaläste
in der Einsamkeit der Bahnhöfe ohne Wiederkehr
im Schmelztiegel gesperrter Bergwerke
sterilisierter Lager
auf Bergspitzen um die ein Wind ohne Hoffnung weht
in allen Schluchten der Verbannung
in diesem vielfältigen unvorhersehbaren Augenblick
da die Zeit mich erfaßt und davonträgt
und mich losläßt und wieder ergreift
auf diesem Globus von Himmel zu Himmel
auf diesem Bürgersteig von Stadt zu Stadt

und doch singt dieser anbrechende Tag für mich davon
daß nur mit allen gut leben ist
daß hier und anderswo zur gleichen Zeit
zu teilen und Teil zu sein
Teig zu sein und die knetende Hand
einzigartig und vereint
im Gewittersturm und beim Fest
auf der Pyramide und unter der Lawine
daß dies Freude und Schmerz des Dichters ist

der anbrechende Tag sagt mir
daß ich die von den Söldnern
aufgeschlitzte Mutter bin
der Schwarze ohne Rechte
der Indianer ohne Zukunft
und der Mensch dessen Füße
von seiner Vergangenheit abgeschnitten wurden
nichts als eine Spielmarke
vom Profit bis zur Abnutzung ausgeteilt
und die Sonne der Symphonien
und das süße Feuer der Liebe
und das ruhige Auge des Freundes
und der armselige Haufen verstrahlten Fleisches
und das Ungeheuer dem eine Galgenfrist gewährt wird
das noch atmet und versteht...

Erbe der Toten und Lebenden
Zwillingsbruder des Holzes des Feuers
der Steine und der Geschöpfe
der leben
und das Rad des Lebens vorantreiben
und nichts vergessen will
und zur gleichen Zeit neu lernen möchte
wie man die Würde des Baumes trägt und wenn nötig
gemeinsam sich anstrengt, um ihn zu fällen

ich, der Träume noch mächtig
williger Gefangener
in den vorläufigen Grenzen
eines gemeinsamen Fluges durch den Kosmos
ich das dreimilliardste Exemplar
einer sich vermehrenden Gattung
ich unendlich kleiner Bewohner
dieses Viertels des Sonnensystems
hier und anderswo
vielfach und einzig
in diesem Augenblick unserer Geschichte
gevierteilt allgegenwärtig
ich schreie
ich schreie nach dir

erdumspannende Brüderlichkeit

 



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